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Die Abschaffung der Arten

Dietmar Dath, ehemals SPEX-Chefredakteur und Feuilletonschreiber der FAZ, gilt ja nicht erst seit gestern als schwieriges Kind der Popkultur. Als vor zwei Jahren Die Abschaffung der Arten im Suhrkamp Verlag erschien, wurde der Roman zwar zum dankbaren Gegenstand der feuilletonistischen Kommunikation, einig wurde man sich jedoch nicht. Viel wurde gesagt, an wenig mag man sich erinnern.

Denn gerade wenn ein Buch bereits sämtliche subkulturaffinen Kulturteile passiert hat bedeutet das ja nicht zwingend, dass man sich mehr damit auseinandersetzen muss. Zugegeben, bei einem recht sperrigem Thema, wie einem 550-Seitigen Science Fiction Roman, bei dem die Protagonisten tierischer Natur sind, mag manch einer sich um ein adäquates Unterhaltungspotential sorgen. Entsprechend war in einigen Rezensionen von „Unlesbarkeit“, von „Spannungsarmut“, ja, von einer „Qual“ die Rede. Die „Arroganz“ des Autors wurde in Anschlag gebracht, dem „Selbstbeschränkung“ besser zu Gesicht gestanden hätte.

Nun mag dieser Eindruck sicherlich für jene jungen Redakteure zutreffen, die bis Montag in einer Woche Zeit hatten, eine Buchkritik für die eigene Publikation zu verfassen, parallel aber noch an zwei weiteren Artikeln über „LED – Das Licht der Zukunft“ und „Popkultur nach Alanis Morisette“ arbeiteten. Die Abschaffung der Arten braucht Zeit. Dath liest sich nicht wie Nick Hornby, das steht außer Zweifel. Dennoch geschieht etwas mit Verzögerung, das beim Leseakt selbst – vor allem im Rahmen eines hastigen journalistischen Reiz-Reaktions-Schemas – nicht ohne weiteres ins Bewusstsein tritt. Denn die sprachlichen Seltsamkeiten, die irren Identitätskonzepte und die waghalsigen Bewegungen durch Raum und Zeit kommen auf einen zurück. Mal ehrlich, wann liest man denn einen Roman, der wirklich mit formal-erzählerischen wie Inhaltlichen Konventionen bricht? Je länger das Buch hinter einem liegt, desto bestimmter scheint die Überzeugung, Teil an einem wahrhaft großen Wurf gehabt zu haben. Ein Pop-Roman, abseits von jeder Indieboy (Seitenscheitel, Karohemd, Casio-Armbanduhr) meets Indiegirl (Schnippisch, traurig, mag Cocorosie) Stereotypie. Ein Pop-Roman, mit dem Willen zur Überschreitung, die – an ihrem Ende angekommen – schließlich d’accord geht, das Pop einfach wegszustreichen. Was bleibt, ist ein unterschätztes Stück großer deutscher Gegenwarts-, d.h. besser eigentlich: Zukunftsliteratur.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem als spiegelnde Ergänzung zum Text verstandenen Audio-Kunstwerk, bei dem Dath Passagen seines „Urtextes“ zu den großartigen Soundcollagen des Kammerflimmer Kollektivs vorträgt.

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