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Der Kongress im Kunstdiskurs> Memory Loops

DI_08/FEB/11 Einlass: 20.00 H
MICHAELA MELIÁN im Dialog zu MEMORY LOOPS

Unsere Lieblingskünstlerin Michaela Melián im Gespräch über die 300 Tonspuren, die sie im Rahmen von Memory Loops erstellt hat. Hier ein Interview in der SZ:

 

Muenchenstadt.kultur
Virtuelles Mahnmal "Memory Loops"
Eine Wolke über der Stadt
12.10.2010, 13:54
Interview: Corinna Nohn
Kann man sich im Internet den epochalen Verbrechen der
Nazis nähern? Die Künstlerin Michaela Melián hat mit "Memory
Loops" ein virtuelles Mahnmal nicht nur für München
geschaffen.

Auf dem schwarzen Hintergrund der Webseite ist mit weißen
Strichen ein Stadtplan Münchens gezeichnet: Straßen, Schienen,
die Isar. Im Zentrum überlagern und türmen sich zwischen
Hauptbahnhof, Odeons- und Marienplatz viele blaue Kreise. Hinter
jedem Kreis ist eine Tonspur gespeichert, auf der man eine
Geschichte hört, wie Angst und Terror der NS-Zeit den Alltag
geprägt haben. Die Kreise haben keine Namen, der Nutzer weiß
vor dem Klick also nicht, was ihn erwartet - es kann die Geschichte
eines Opfers sein, der Bericht eines Täters, eine Akte, ein Fetzen
aus dem Alltag.

Kann man sich im Internet den epochalen Verbrechen der Nazis
nähern? Mit einem Audio-Kunstwerk dem Leid der Verfolgten
gedenken? Über diese Frage wurde vor zwei Jahren heftig
debattiert, als die Künstlerin Michaela Melián den Wettbewerb der
Stadt München zum Thema "Opfer des Nationalsozialismus - Neue
Formen des Erinnerns und Gedenkens" gewonnen hatte.


Seit gut zwei Wochen sind Meliáns "Memory Loops", zu Deutsch
"Erinnerungsschleifen", nun im Internet auf memoryloops.net
abrufbar. Die 54-jährige Künstlerin und Musikerin hat alle
Dokumente, auch Originalaufnahmen, neu aufgezeichnet und mit
Musik unterlegt. So ist ein Netz von 300 deutschen und 175
englischen Audio-Collagen entstanden, das wie eine Wolke über
der Stadt schwebt.

SZ: Wie werden die "Memory Loops" denn nun vom Publikum
angenommen?

Michaela Melián: Die ersten Zahlen haben mich selbst erstaunt:
Jeden Tag verzeichnet die Seite alleine aus Deutschland mehr als
1000 Besucher, die im Durchschnitt fast zwölf Minuten bleiben -
diese hohe Verweildauer hat auch die Programmierer überrascht.
Und die Leute schicken den Link weiter. So habe ich schon
Feedback aus Amerika, Australien, Südafrika bekommen.

SZ: Im Vorfeld wurde Kritik laut, das Gedenken an die Opfer des
Naziterrors eigne sich nicht als Spielwiese für Experimente mit
moderner Kunst.

Melián: Die Kritik war völlig absurd, denn die Mittel der Kunst
sagen ja noch nichts über ihre Qualität aus. Bei dieser Debatte
wurde auch vergessen, dass die Stadt München mit Absicht keinen
Ort für das Denkmal vorgesehen hatte. Es gab also keinen Platz,
mit dem man sich hätte auseinandersetzen, mit dem man hätte
planen können.

SZ: Schließen Sie mit einem Denkmal im Netz nicht viele aus, die
sich nicht so mit dem Internet beschäftigen?

Melián: Es war ja gewünscht, dass das Denkmal in seiner Form
jüngere Generationen anspricht. Abgesehen davon habe ich bei
meinen Recherchen gerade viele ältere Menschen kennengelernt,
die dauernd im Netz unterwegs sind. Aber ich habe das Projekt
extra breit angelegt: Einmal sendet der Bayerische Rundfunk fünf
einstündige Loops als Hörspiele, und man kann sich MP3-Player
mit diesen Tonspuren in mehreren Münchner Museen kostenlos
ausleihen. Außerdem werden noch im Oktober in München an 60
Orten "Memory Loops"-Schilder angebracht. Darauf stehen auch
Telefonnummern, unter denen man sich zum Ortstarif die
zugehörige Tonspur in Deutsch und Englisch anhören kann.

SZ: Kunst, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzt, scheint
vor allem zwei Wege zu kennen. Entweder den monumentalen
Weg, wie etwa Steven Spielbergs Projekt mit seiner Shoah-
Stiftung, für das er 52.000 Überlebende interviewen ließ. Oder den
minimalistischen Weg, eine einzige Flamme, die an alle Opfer
erinnern soll. Auch Sie haben 24 Stunden Audio-Material ins Netz
gestellt, kaum einer wird alles anhören können.

Melián: Ich hatte nie im Sinn, etwas Monumentales herzustellen.
Die bloße Menge macht "Memory Loops" noch nicht zu etwas
Monumentalem. Ursprünglich war ich von fünf oder sechs Stunden
Audio-Material ausgegangen, aber ich habe gar nicht alles
auswerten können, was wir zusammengetragen hatten, musste
ganz vieles weglassen. Das, was ich dann ausgewählt habe, steht
exemplarisch für all das, was ich nicht berücksichtigen konnte.
Alles an dem Projekt, vom Design der Homepage bis zum Audio-
Material, dem Sprachduktus und der Musik, ist ästhetisch auf das
Wesentliche beschränkt und alles andere als monumental.

SZ: Was unterscheidet Ihr Projekt von einem normalen
Audio-Guide im Museum?

Melián: "Memory Loops" ist ein Kunstwerk, kein Historiker würde
so arbeiten. Es gibt keine Moderatorenstimme, keine zusätzlichen
Erklärungen. So wird, wenn man eine Tonspur wählt, nur die
Adresse angezeigt, nicht, wer über was spricht. Die Nutzer sollen
nicht schon vorher wissen, was sie erwartet. Sie müssen sich die
Zeit nehmen und zuhören, denn manchmal erfährt man auch erst
nach ein paar Minuten, wer spricht.

SZ: Herauszufinden, welche Perspektive der Sprecher hat, ist auch
deshalb schwierig, weil Sie alle Texte mit Schauspielern neu
aufgezeichnet haben. Da gibt es zum Beispiel ganz nüchtern
vorgetragene Berichte von Frauen, die zwangssterilisiert wurden.
Warum sind keine Originaltöne zu hören?

Melián: Die Ausgangstonquellen aus den Archiven sind sehr
unterschiedlich in der Qualität, und oft existiert ein Interview nur in
verschriftlicher Form. Die Menschen, die ich selbst für das Projekt
interviewt habe, sind heute alle schon sehr alt. In der Produktion
wollte ich alle Stimmen auf das gleiche technische und ästhetische
Niveau bringen. Und ich habe vor allem junge Stimmen
genommen, so hole ich das Material viel näher an die Gegenwart.
Die Schauspieler haben die Regieanweisung bekommen, leise zu
sprechen, ohne Pathos.

SZ: Und warum lesen Kinder die Gesetze und Erlasse vor?

Melián: Das Amtsdeutsch dieser Texte kommt einem vertraut vor,
wenn Erwachsene sie lesen. Auch bekommt das Material dann
leicht diesen bekannten Naziverlautbarungsduktus. Die Kinder
dagegen haben dafür keine fertige Interpretation im Kopf, für sie ist
es erst einmal Text, den sie fehlerfrei und verständlich für die
Aufnahme lesen wollen. Durch diesen Bruch, diese Verfremdung
hört man diesem Behördendeutsch ganz anders zu.

SZ: Sie sind in München geboren, leben im Umland. Hat diese
Arbeit Ihr Verhältnis zu dieser Stadt verändert?

Melián: Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, fallen mir jetzt an
vielen Ecken plötzlich Geschichten ein, die sich an diesen Orten
zugetragen haben. Und obwohl ich ja Münchnerin bin, habe ich
vieles erst durch diese Arbeit gelernt. Zum Beispiel, dass die
Biergartenkultur den jüdischen Münchnern ermöglicht hat, am
gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Denn im Biergarten kann
man sein Essen selbst mitbringen und das Bier ist per se koscher.
Aber ich habe natürlich auch gelernt, dass in München in der
Ettstraße schon lange bevor die Nationalsozialisten an die Macht
kamen, Listen von Sinti und Roma, von Homosexuellen oder
Kommunisten erstellt wurden. So konnte man dann 1933 sofort
gezielt zuschlagen. In Berlin haben genau diese Leute diese
Systeme, die sie in München entwickelt haben, für das ganze Reich
zur Anwendung gebracht.

SZ: Sie haben sich schon oft mit politischen Themen
auseinandergesetzt. Wie wichtig ist Ihnen der aufklärerische Aspekt
in der Kunst?

Melián: Für meinen künstlerischen Produktionsprozess ist die
Recherche ein wichtiges Produktionsmittel. Das Suchen ist schon
ein Teil der Arbeit selbst. Aber ich arbeite nicht mit dem
Dokumetarischen, vielmehr entstehen die Arbeiten erst durch die
Verfremdung, Überformung, Übersetzung. Wenn sich nun beim
Publikum, das sich mit meiner Arbeit beschäftigt, auch ein Moment
der Erhellung einstellt, dagegen habe ich nichts einzuwenden.


http://sueddeutsche.dehttp://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen/kultur/virtuelles-mahnmal-memory-loops-eine-wolke-ueber-der-stadt-1.1010790


sueddeutsche.de GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
(SZ vom 12.10.2010/sonn)

 

Offizieller Pressetext zu Memory Loops:

 

Mit Memory Loops hat Michaela Melián den Kunstwettbewerb der Landeshauptstadt München „Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ gewonnen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk / Hörspiel und Medienkunst realisiert.

Grundgedanke des Wettbewerbs war die Erkenntnis, dass ein Nachdenken über den zeitgemäßen Zugang zum Gedenken und zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus neue Formen der Erinnerungskultur erfordern. Opfer- und Täterbezüge zu verschiedenen Orten in München sollten sichtbar gemacht, auf künstlerische Weise reflektiert und mit dem Stadtraum vernetzt werden. Ausgelobt wurde ein Kunstwerk, das keinen traditionellen Denkmalcharakter aufweist.

Das Kunstkonzept Memory Loops von Michaela Melián hat sich dieser Aufgabe überzeugend gestellt – es ist ein Denkmal ohne festen Ort, das zu jeder Zeit individuell erfahrbar ist und sich gleichzeitig präzise im Münchner Stadtraum verortet. Mit der Wahl von Internet und mobiler Telefonie als vermittelnde Medien greift es zudem bewusst zeitgenössische Kommunikationsformen auf.
München realisiert mit Memory Loops ein virtuelles Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Audiokunstwerk von Michaela Melián umfasst 300 deutsche und 175 englische Tonspuren, die seit dem 23. September 2010 auf  www.memoryloops.net zum Anhören und kostenlosen Download bereit liegen.

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